Fachwissen und jede Menge Ideen sind bei der Unfallrettung lebenswichtig

Feuerwehrleute aus dem Landkreis lernen wichtige Handgriffe und Tricks für die technische Unfallrettung

Der Unfallatlas der statistischen Ämter des Bundes und der Länder weist es aus: Verkehrsunfälle mit Pkw und Lkw gehören auch auf den Straßen im Landkreis Bad Kreuznach zur Tagesordnung. Glücklicherweise gehen viele dieser Unfälle dank modernen Fahrzeugtechniken mit aktiven Sicherheitssystemen wie dem Spurhalte- oder Notbremsassistenten und ESP sowie den passiven Sicherheitssystemen wie der Sicherheitsfahrgastzelle, einer stabilen Karosserie, Kopfstützen, Seitenaufprallschutz, Gurtstraffern bis hin zu einer Vielzahl an Airbags meist glimpflich für die Beteiligten aus. Das sah früher ganz anders aus, denn noch zu Beginn der 1990er Jahre gehörten schwere Unfälle mit eingeklemmten Personen zum Tagesgeschäft der Stützpunktfeuerwehren im Landkreis. Moderne Fahrzeuge haben die Überlebenschancen der Insassen wesentlich erhöht.

Kommt es aber heute bei Unfällen zu einer heftigen Kollision und die Insassen werden dann trotz aller Sicherheitssysteme in ihren Fahrzeugen eingeklemmt, so ist die Schwere der Einklemmung meist heftiger als noch vor 20 Jahren. Und dann sind heute wie früher die freiwilligen Feuerwehr mit schwerem Rettungsgerät gefragt. Und der Begriff „schweres Rettungsgerät“ hat seine Berechtigung. Feuerwehren, die heute mit 20 Jahre alten und gar noch älteren hydraulischen Rettungsgeräten auf dem Einsatzfahrzeug anrücken, können bei Unfallwagen der aktuellen Generation gewissermaßen gleich mit der Nagelschere arbeiten. Die Wirkung könnte dieselbe sein. Denn gehärteter Stahl an den Sicherheitsfahrgastzellen erfordert modernste Rettungstechnik.

Das Kreisausbildungsteam „Technische Hilfeleistung“ des Landkreises Bad Kreuznach führte an den vergangenen beiden Samstagen ein weiteres Seminar mit dem Themenschwerpunkt „Technische Hilfeleistung bei Verkehrsunfällen“ durch. Die 17 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem gesamten Kreisgebiet erwartete ein interessantes und umfassendes Schulungsprogramm, welches Seminarleiter Alexander Roßkopf (Feuerwehr Hüffelsheim und Berufsfeuerwehr Mainz) mit den Kreisausbildern Rouven Ginz (stellvertretender Wehrleiter VG Rüdesheim) und Fabian Trarbach (Feuerwehr Stadt Bad Kreuznach – Löschbezirk Süd und Berufsfeuerwehr Frankfurt am Main) vorbereitet hatte.

Das praxisorientierte Seminar hat zum Ziel, den Teilnehmern wichtige Handgriffe und Tricks für die Entklemmung eingeklemmten Unfallbeteiligten sowie den damit verbundenen sicheren Umgang mit den Rettungsgeräten anzueignen. Hierfür hatte die Firma Schumacher KFZ-Service in Hüffelsheim unentgeltlich vier Fahrzeuge zur Verfügung gestellt, an denen sich die Teilnehmerin und die Teilnehmer im Umgang mit Schere, Spreizer, Rettungszylinder, Säbelsäge und Halligan-Tool austoben konnten und Sicherheit in der Bedienung der Geräte bekamen.

Bevor die Fahrzeuge fachgerecht zerlegt wurden, stellte Alexander Roßkopf am ersten Seminartag im theoretischen Teil die Aufgaben der Feuerwehr bei der technischen Unfallrettung vor. Oberstes Ziel bei der Patientenrettung aus Unfallfahrzeugen ist die Einhaltung der sogenannten „Goldenen Periode“. So soll eine möglichst kurz Zeit zwischen dem Unfallgeschehen über die Alarmierung der Feuerwehr sowie des Rettungsdienstes, der Befreiung der Unfallopfer bis zum Transport in ein Krankenhaus vergehen. Themenschwerpunkte waren die Ordnung des Raumes an der Einsatzstelle und die mit der modernen Fahrzeugtechnik verbundenen Schwierigkeiten bei der Befreiung der Unfallopfer durch die Feuerwehr. So lernten die Retter, dass selbst ein neues Fahrzeug der Kompaktklasse mittlerweile über eine umfangreiche Airbagausstattung und mehrere Batterien verfügt. Sollten sich die Airbags bei einem Aufprall nicht öffnen, stellen diese eine nicht unerhebliche Gefahr für die Einsatzkräfte dar. Hier hilft die 90-60-30-Regel. Was wie die Maße der Kandidatinnen von „Bauer sucht Frau“ klingt, sind die Sicherheitsabstände, die alle Rettungskräfte von nicht ausgelösten Airbags einzuhalten haben: 90 Zentimeter von nicht ausgelösten Beifahrer-Airbags, 60 Zentimeter vom Fahrer- und 30 Zentimeter von Kopf-, Seiten, Knie- und Hüftairbags. Um die meist in mehrfacher Anzahl in Fahrzeugen verbauten Batterien kümmert sich die Feuerwehr heute nicht mehr. Sie stellt den Brandschutz sicher, um hier eine Brandgefahr für alle Beteiligten auszuschließen. Zudem schickt die Feuerwehr einen „Inneren Retter“ ins Unfallauto, der das Fahrzeuginnere genau erkundet.

Die Teilnehmer wissen jetzt, dass die Rettungsmaßnahmen zur endgültigen Befreiung der eingeklemmten Person eine regelmäßige Absprache mit dem Notarzt und dem Rettungsdienst erfordern. Weitere Ausbildungsinhalte waren Schneid- und Spreiztechniken sowie die sichere Abstützung verunfallter Fahrzeuge.

Der theoretische Ausbildungspart am zweiten Seminartag widmete sich den alternativen Fahrzeugantrieben. Reine Elektroautos und Hybridfahrzeuge, die sowohl über einen Antrieb über den bewährten Verbrennungsmotor als auch über einen Elektromotor verfügen, sind im Landkreis Bad Kreuznach mittlerweile ebenso regelmäßig anzutreffen wie Fahrzeuge mit Erdgas- oder Flüssiggasantrieb. Ist die Karosserie bei diesem Wagen kaum von den konventionell angetriebenen Fahrzeugen zu unterscheiden, so ergeben sich für die Feuerwehren bei einem Unfall oder einem Fahrzeugbrand teilweise gravierende Unterschiede zum „normalen“ Pkw. So verfügen Elektro- und Hybridfahrzeuge über Hochvolt-Batterien und Stromleitungen, von denen für die Einsatzkräfte eine Gefahr ausgehen könnte. Rouven Ginz sensibilisierte die Aktiven für technische Hilfeleistungs- und Brandeinsätze bei Fahrzeugen mit alternativen Antrieben. Als Anschauungsobjekt hatte er ein Dienstfahrzeug mit Hybridantrieb der Rüdesheimer VG-Verwaltung mitgebracht. An dem Kompaktvan eines bayerischen Automobilherstellers wurden die markanten Unterschiede zu Fahrzeugen mit reinem Verbrennungsmotor erläutert.

Im praktischen Teil des Seminars setzten die Teilnehmer an den beiden Samstagen das in der Theorie Erlernte selbst um. Zur Ergänzung der persönlichen Schutzausrüstung beschaffte der Landkreis Bad Kreuznach für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer Schutzbrillen und Mundschutzmasken, die sie vor herumfliegenden Glas- und Metallsplittern schützten. Die Ausbilder stellten auf dem Gelände des Feuerwehrgerätehauses in Hüffelsheim vier typische Unfallszenarien dar. Zu Beginn zeigte Fabian Trarbach, wie eine Geräteablage mit allen notwendigen Einsatzmitteln für Verkehrsunfälle aufgebaut werden kann. Die richtige Handhabung und die Bedienung der Rettungsgeräte war ein wichtiger Seminarinhalt, um die Geräte im Einsatz sicher bedienen zu können. Die Erkundung eines verunfallten Fahrzeugs stellte Rouven Ginz vor.

Ausbilder Fabian Trarbach leitete die Teilnehmer an der ersten Station an, wie die Rettung eines Unfallopfers aus einem Fahrzeug erfolgen kann, das in einen schweren Seitenaufprall verwickelt wurde. Nach Schaffung einer Zugangsöffnung für den inneren Retter sorgten die Aktiven für eine Versorgungsöffnung. Durch diese können der Notarzt und der Rettungsdienst den Patienten sprichwörtlich versorgen. Die Befreiung der eingeklemmten Patienten wurde unter anderem durch eine große Seitenöffnung ermöglicht, bei der die vordere Tür mit B-Säule und hinterer Tür zusammen entfernt und der Patient mit einem Rettungsbrett befreit wird. Das Öffnen des Daches, die Schaffung eines Fußraumfensters zur Erkundung der Einklemmung und das Hochdrücken des Armaturenbrettes mit dem Rettungszylinder wurde als weitere Möglichkeiten geübt.

Die zweite Station stellte ein auf die Beifahrerseite umgestürztes Unfallfahrzeug dar. Unter Anleitung von Rouven Ginz sicherten die Einsatzkräfte das auf der Seite liegende Fahrzeug mit einem Stabilisierungssystem gegen Umkippen. Der eingeklemmte Fahrer wurde mit Hilfe eines B-Schlauchs in seiner misslichen Lage fixiert und dann auf dem Rettungsbrett stabilisiert. Nach Entfernung der Scheiben trennten die Teilnehmer mit der Säbelsäge und der Rettungsschere das Fahrzeugdach von den Holmen und klappten das Fahrzeugdach zur Seite, um den Patienten aus dem Auto befreien zu können.

Station 3 sah die Entklemmung eines Patienten vor, der in seinem Kleinwagen auf Hilfe wartete. Fabian Trarbach hatte seine Mannschaft hierzu einen Zugang für den inneren Retter über die Heckklappe schaffen lassen die Fahrertür als Versorgungsöffnung entfernen lassen. Zur Befreiung des Insassen wurde das Dach mit der Säbelsäge beidseitig wie eine Fischdose geöffnet.

Alexander Roßkopf übte mit den Teilnehmern, wie ein auf dem Dach liegendes Fahrzeug stabilisiert wird. Auch hier kam das Abstützsystem „Stab Fast“ zum Einsatz, mit dem das auf dem Dach liegende Fahrzeug gegen unbeabsichtigtes Bewegen gesichert wird. Zur Rettung des Verunfallten verschafften sich die Aktiven mit dem Spreizer über die Heckklappe Zugang zum Patienten. Auch hier hatte die Stabilisierung des Unfallopfers auf einem Rettungsbrett Priorität, bevor die eingeklemmten Beine befreit und das Dach mit der Rettungsschere an allen Säulen abgeschnitten wurde, um den Patienten wie auf einem Schlitten zu befreien.

Zum Abschluss der beiden interessanten Seminartage stellten die Ausbilder die sogenannte „Kettenzug-Methode“ vor. Dabei wird das Unfallfahrzeug mit Ketten an stehenden Feuerwehrfahrzeugen angeschlagen und die Ketten auf Spannung gesetzt. Mit einer Seilwinde wird dann der Vorderwagen über die Kette zurückgezogen. Dadurch wird die Verformung des Wracks auf dem Weg beseitigt, wie sie entstanden ist. Da diese Methode in Skandinavien seit Jahren sehr erfolgreich angewandt wird, wird sie auch „Oslo-Methode“ bezeichnet.

Die Teilnehmer kamen bei den Rettungsarbeiten ordentlich ins Schwitzen und lernten auch, dass Feuerwehr landläufig zwar mit Heldentum verglichen wird, das aber bei der technischen Unfallhilfe nicht angebracht ist, da hier körperlich schwere Arbeit geleistet werden muss und ein regelmäßiger Kräfteaustausch sinnvoll ist. Besonders wichtig ist zudem, dass die Einsatzkräfte der Feuerwehr immer mehrere Ideen in ihren „geistigen Schubladen“ parat haben müssen, falls eine Maßnahme mal nicht funktionieren sollte. Diese Schubladen wurden beim Seminar mehr als gut gefüllt.

Am zweiten Seminartag machten sich auch Kreisfeuerwehrinspekteur Werner Hofmann sowie die Wehrleiter Christian Vollmer und Jörn Trautmann (VG Rüdesheim) sowie Bernhard Schön (VG-Stromberg) ein Bild von der praktischen Ausbildung und zeigten Interesse an der Fortbildung ihrer Feuerwehrangehörigen.

Seminarleiter Alexander Roßkopf und sein Team waren wie die Teilnehmer mit den Seminarinhalten und dem Ablauf sehr zufrieden. „Das Seminar war top organisiert und hat Spaß gemacht. Es gab für mich einige neue Techniken und Kniffe!“, war eine der Rückmeldungen der Teilnehmer zum Seminar. Alexander Roßkopf dankte der Firma Schumacher KFZ-Service und der VG Rüdesheim sowie den Feuerwehren Bad Kreuznach und Spabrücken herzlich für die Bereitstellung der Übungs- und Rüstfahrzeuge und der Feuerwehr Hüffelsheim für die Verpflegung an beiden Seminartagen.

Text: Rouven Ginz, stellvertretender Wehrleiter & Pressesprecher Feuerwehr VG Rüdesheim

Bilder: Rouven Ginz, Alexander Roßkopf, Fabian Trarbach