Die schnelle Alarmierung, Know-how und moderne Ausstattung sowie alternative Möglichkeiten sind der Erfolg bei der Unfallrettung
Ob Autobahn, Bundes-, Landes- oder Kreisstraße: In den vergangenen Wochen waren die Rettungskräfte im Naheland und Rheinhessen oftmals bei schweren Verkehrsunfällen gefordert. Trotz moderner Fahrzeugtechnik mit stabilen Fahrgastzellen und umfangreichen Sicherheitssystemen in den Autos mussten die Aktiven aufgrund der Kollisionsmechanik der am Unfall beteiligten Fahrzeuge dabei auch hydraulische Rettungsgeräte, Säbelsäge und weitere Einsatzmittel einsetzen, um eingeklemmte Insassen zu befreien. Für die Patienten ist es in diesen Situationen lebenswichtig, dass die Rettung der Insassen bereits ab Eingang des Notrufs bei der Leitstelle in Mainz durch die sofortige Alarmierung der Feuerwehr und des Rettungsdienstes sowie den richtigen Umgang mit Rettungsschere, Spreizer und Rettungszylinder sowie vielen anderen Hilfsmitteln für die Unfallrettung ohne Verzögerung funktioniert.
Das Kreisausbildungsteam „Technische Hilfeleistung“ des Landkreises Bad Kreuznach bildete jüngst an zwei Samstagen Angehörige von Feuerwehren mit Einsatzmitteln zur technischen Unfallhilfe am Ausbildungsstandort der Freiwilligen Feuerwehr Rüdesheim/Nahe aus und bot den 18 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem gesamten Kreisgebiet ein interessantes und umfassendes Schulungsprogramm zum Themenschwerpunkt „Technische Hilfeleistung bei Verkehrsunfällen“.
Das praxisorientierte Seminar hatte zum Ziel, den Einsatzkräften wichtige Handgriffe und Tricks für die Befreiung von im Fahrzeug eingeschlossenen oder eingeklemmten Unfallbeteiligten und die Handhabung der Rettungsgeräte anzueignen. Hierfür hatte der Abschleppdienst Kappler aus Bad Sobernheim vier Übungsfahrzeuge zur Verfügung gestellt, an denen sich die Teilnehmerin und die Teilnehmer im Umgang mit Schere, Spreizer, Rettungszylinder, Säbelsäge und Halligan-Tool ausprobieren konnten und Sicherheit in der Bedienung der Geräte bekamen.
Bevor die Fahrzeuge fachgerecht zerlegt wurden, stellte Lehrgangsleiter Rouven Ginz am ersten Seminartag im theoretischen Teil die Aufgaben der Feuerwehr bei der technischen Unfallrettung vor. So erfuhren die Retter, dass bereits ein neues Fahrzeug der Kompaktklasse über eine umfangreiche Airbagausstattung und mehrere Batterien verfügt. Sollten sich die Airbags bei einem Aufprall nicht öffnen, können diese eine nicht unerhebliche Gefahr für die Einsatzkräfte darstellen. Hier hilft die 90-60-30-Regel. Gemeint sind die Sicherheitsabstände, die alle Rettungskräfte von nicht ausgelösten Airbags einzuhalten haben: 90 Zentimeter von nicht ausgelösten Beifahrer-Airbags, 60 Zentimeter vom Fahrer- und 30 Zentimeter von Kopf-, Seiten, Knie- und Hüftairbags. Die meist in mehrfacher Anzahl in Fahrzeugen verbauten Batterien klemmt die Feuerwehr im Gegensatz zu früher nicht mehr ab, sondern setzt die Energie gezielt ein, um beispielsweise elektrische Fensterheber, Sitzeinstellungen oder Türschlösser aktiv bei den Arbeiten am Unfallwagen nutzen zu können. Zusätzlich stellt die Feuerwehr den Brandschutz sicher, um eine latente Brandgefahr durch die Batterien für alle Beteiligten auszuschließen. Gleichzeitig schickt die Feuerwehr einen „Inneren Retter“ ins Unfallauto, der das Fahrzeuginnere genau erkundet und sich einen raschen Zugang zum Patienten verschafft. Die Teilnehmer wissen jetzt, dass die Rettungsmaßnahmen zur endgültigen Befreiung der eingeklemmten Person eine regelmäßige Absprache mit dem Notarzt und dem Rettungsdienst erfordern.
Kreisausbilder Christoph Kaluza widmete sich im theoretischen Ausbildungspart am zweiten Seminartag ausführlich den alternativen Fahrzeugantrieben. Reine Elektroautos und Hybridfahrzeuge, die sowohl über einen Antrieb über den bewährten Verbrennungsmotor als auch über einen Elektromotor verfügen, sind im Landkreis Bad Kreuznach mittlerweile regelmäßig anzutreffen. Ist die Karosserie bei diesem Wagen kaum von den konventionell angetriebenen Fahrzeugen zu unterscheiden, so ergeben sich für die Feuerwehren bei einem Unfall oder einem Fahrzeugbrand teilweise Unterschiede zum „normalen“ Pkw. Christoph Kaluza stellte anschließend ein Vollelektro-Fahrzeug und ein Fahrzeug mit Plug-in-Hybrid-Antrieb mit ihren für die Feuerwehr wichtigen Bauteilen vor und sensibilisierte die Aktiven für technische Hilfeleistungs- und Brandeinsätze bei Fahrzeugen mit alternativen Antrieben.
Schlimme Eindrücke richtig verarbeiten
Bei schweren Unfällen werden die Einsatzkräfte regelmäßig mit schlimmen Eindrücken konfrontiert. Rouven Ginz blickte auf Unfalleinsätze der vergangenen Jahre zurück. Dabei war es ihm ein wichtiges Anliegen, dass die Feuerwehrangehörigen nach dem Einsatz über das Erlebte sprechen und die Eindrücke verarbeiten können. Hier bieten beispielsweise die gemeinsame Einsatznachbesprechung der beteiligten Kräfte oder professionelle Gesprächsangebote mit dem Kriseninterventionsteam gute Möglichkeiten zur Verarbeitung des Erlebten.
Im praktischen Teil des Seminars setzten die Aktiven an beiden Samstagen das in der Theorie Erlernte praktisch um. Zu Beginn zeigten Christoph Kaluza und Heiko Zuck, wie eine Geräteablage mit allen notwendigen Einsatzmitteln für Verkehrsunfälle aufgebaut werden kann und erläuterten die Bedienung der hydraulischen Rettungsgeräte. Die korrekte Stabilisierung von Unfallfahrzeugen in der Dach- und Seitenlage und die Erkundung eines verunfallten Fahrzeugs waren weitere Inhalte der Ausbildung.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durften sich anfangs mit den Gerätschaften bei der Rettung von Dummys mittels großer Seitenöffnung beschäftigen. Dabei zeigte sich, dass modernes hydraulisches Rettungsgerät unbedingt notwendig ist, um die unterschiedlichen Materialien an Autos zu spreizen, zu schneiden und zu drücken. Oft war Ideenreichtum der Ausbilder und Probanden gefragt, um die eingeklemmten Insassen befreien zu können. So kam unter anderem die Säbelsäge zur Öffnung des Blechs zum Einsatz.
Weitere Stationen waren die Rettung aus einem Fahrzeug nach einem schweren Seitenaufprall, aus einem Fahrzeug in Seitenlage und in Dachlage. Die grundsätzlichen Arbeitsschritte sind in der Regel immer gleich: Fahrzeug stabilisieren, Schaffung einer Zugangsöffnung für den inneren Retter und einer Versorgungsöffnung für den Notarzt und den Rettungsdienst. Anschließend folgt die Befreiungsöffnung. Das Öffnen des Daches wie eine Fischdose, die Schaffung eines Fußraumfensters zur Erkundung der Einklemmung und das Hochdrücken des Armaturenbrettes mit dem Rettungszylinder wurden als weitere Möglichkeiten trainiert. Lukas Roos von der Feuerwehr Pfaffen-Schwabenheim stellte die Variante einer Rettung mit der Rettungsschlinge vor.
Bei sommerlichen Temperaturen kamen die Feuerwehrleute bei den Rettungsarbeiten ordentlich ins Schwitzen und lernten auch, dass Feuerwehr landläufig zwar mit Heldentum verglichen wird, das aber bei der technischen Unfallhilfe nicht angebracht ist, da hier körperlich schwere Arbeit geleistet werden muss und ein regelmäßiger Kräfteaustausch sinnvoll ist. Besonders wichtig ist zudem, dass die Einsatzkräfte der Feuerwehr immer mehrere Ideen in ihren „geistigen Schubladen“ parat haben, falls eine Maßnahme mal nicht funktionieren sollte. Diese Schubladen wurden beim Seminar mehr als gut gefüllt.
Ausbilder und Teilnehmer waren mit den Seminarinhalten und dem Ablauf sehr zufrieden. Rouven Ginz dankte Jonas Ortmann und seinem Team der Firma Kappler für die zur Verfügung gestellten Fahrzeuge, der Feuerwehr Rüdesheim für die hervorragende Verpflegung sowie den Feuerwehren Rüdesheim und Stromberg für die Bereitstellung der Rüstfahrzeuge.
Text und Bildquelle: Rouven Ginz, Fachbereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Freiw. Feuerwehr VG Rüdesheim

























